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EXODUS
AUS SYRIEN

Ärzte ohne Grenzen/MSF
Text: Agus Morales
Fotos und Videos: Anna Surinyach
Web-Entwicklung: Quim Zudaire

FLUCHT VOR DEM KRIEG

Scharfschützen auf Hausdächern hatten den Platz im Visier. Salwah Mekrsh wusste das, aber sie entschied sich trotzdem, den Platz zu überqueren. Die Sonne begann schon über der Altstadt von Aleppo unterzugehen, und bald würde es für die Scharfschützen zu dunkel sein, um etwas zu erkennen. Das spielte sich im Herbst 2012 ab. Aleppo war damals die strategisch wichtigste Stadt im Norden Syriens und einer der Hauptschauplätze der Kämpfe zwischen den syrischen Regierungstruppen und den bewaffneten Oppositionsgruppen. Salwah wurde von einem Scharfschützen in den Rücken getroffen.

In Aleppo wurde Salwah von einem Krankenhaus zum anderen gebracht. Sie war aber so schwer verletzt, dass ihre Familie sie über die Grenze in das türkische Kilis transportierte, damit sie dort die notwendige Behandlung bekam und operiert werden konnte. Kilis ist die erste Anlaufstelle für die meisten Syrer, die vor den Kämpfen in Aleppo und Umgebung fliehen. Für die 18-jährige Salwah und ihre Familie begann eine sehr schwere Zeit. Sie mussten sich mit dem Leben als Flüchtlinge abfinden, und Salwah blieb wegen ihrer Verletzungen auf einen Rollstuhl angewiesen.

Die Verwüstung eines Landes mit 22 Millionen Menschen

Die Opfer des syrischen Krieges sind zahllos. Der Krieg brach im Frühjahr 2011 aus und hat das Land mit mehr als 22 Millionen Einwohnern verwüstet. Syrien liegt vor den Toren Europas und ist umgeben von Konflikten – mit dem Irak im Osten und mit Israel und den palästinensischen Autonomiegebieten im Süden. Nach jüngsten Angaben der Vereinten Nationen von April 2014 wurden in diesem Krieg 191.369 Menschen getötet. Es wird vermutet, dass die tatsächlichen Opferzahlen höher sind.

Gleichzeitig wurden mehr als drei Millionen Menschen zu Flüchtlingen. Dieser Exodus im Zentrum des Nahen Ostens ist eine Herausforderung für die syrischen Nachbarn. Libanon, Jordanien, Türkei, Irak und in geringerem Maße auch Ägypten sind diejenigen Länder, die die meisten syrischen Flüchtlinge aufnehmen. Europa hat unterdessen seine Türen nicht für Menschen geöffnet, die vor dem Krieg fliehen müssen.

Wie sich die syrische Flüchtlingskrise entwickelt hat

Quelle: UNHCR

Die Hilfe hat sich am meisten auf die syrischen Flüchtlinge konzentriert. Die Menschen, die in Syrien geblieben sind, bekommen viel weniger Unterstützung, obwohl sich der Krieg tagtäglich auf ihr Leben auswirkt. Nach Angaben der Vereinten Nationen sind ungefähr 6.450.000 Menschen innerhalb Syriens vertrieben. Diese Schätzungen sind wahrscheinlich ungenau, denn für die Hilfsorganisationen ist es kaum möglich, die Frontlinie zu überqueren. Die syrische Regierung behält es sich vor, die Verteilung von Hilfslieferungen genauestens zu überwachen. In den Gebieten, die unter Kontrolle der Opposition sind, herrscht eine unsichere, von Restriktionen gekennzeichnete Lage vor. Dort betreibt Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières u.a. drei Kliniken. (Bitte beachten Sie den Menüpunkt „MSF in Syrien“ für mehr Informationen zu unserer Hilfe im Land und in den Nachbarländern.)

In den syrischen Gebieten, die am stärksten von den Kämpfen zwischen Regierungs- und Oppositionstruppen betroffen waren, mussten die meisten Menschen ihre Häuser verlassen: Damaskus und Umgebung sowie die Provinzen Homs, Deir ez Zor, Idlib und Aleppo. Viele Menschen in diesen Gegenden haben unter wahllosen Bombardierungen und Raketenangriffen gelitten und darunter, wie die Infrastruktur zerstört wurde - vor allem Schulen und Krankenhäuser, in die die Gemeinden vorübergehend vor den Kämpfen geflohen sind. In diesem Konflikt wurden hunderttausende Häuser beschädigt oder zerstört. Vertreibungen einer bestimmten Ethnie oder Gemeinde als Kriegsstrategie ist ein weiteres Drama in dem Konflikt.

Aleppo steht für die tragische Geschichte des Kriegs

Die Stadt Aleppo steht für die tragische Geschichte des syrischen Kriegs. Aleppo war früher die Wirtschafts- und Industriemetropole Syriens. Aber durch die unerbittlichen Angriffe und Luftschläge seit Dezember 2013 auf alles jenseits des östlichen Stadtviertels wurden so viele Menschen verwundet, dass die Krankenhäuser ständig mit Verletzten überfüllt waren. Die syrische Armee benutzt als bevorzugte Waffe Fassbomben, die sie aus Hubschraubern auf die Stadt abwirft. Die Leute haben die Stadt in Scharen verlassen, um sich auf dem Landstreifen zwischen Aleppo und der türkischen Grenze in Sicherheit zu bringen.

2013 sind schätzungsweise 85 Prozent der Menschen, die ihre Häuser verlassen mussten, bei Verwandten untergekommen. Es gibt auch Lager für Vertriebene innerhalb Syriens. Im Norden der Provinz Aleppo befindet sich an der Grenze zur Türkei ein Durchgangslager auf dem Gelände des ehemaligen Zollgebäudes. Die wachsende Bevölkerung im Lager ist ein Gradmesser für die Gewalt im Land: im Herbst 2012 lebten 4.000 Menschen im Lager, heute sind es mehr als 15.000. "Wir lebten in Aleppo Stadt und aus einem Jet wurden große Geschosse auf uns abgefeuert. Das hat viele Häuser zerstört, darunter auch meins", sagt Hussein Alwawi, ein Syrer, der mit seinen fünf Kindern in der Lagermoschee untergekommen ist. Er hat einen Platz in einem der Flüchtlingslager nahe der Grenze in der Türkei beantragt, aber eine Genehmigung zu bekommen kann dauern. Leute, die keinen Pass haben, umgehen den offiziellen Grenzposten und versuchen über die Grenze durch die Olivenhaine zu fliehen.

Flüchtlinge haben keine Heimat mehr

Ahmed Beidun ist ein anderes Opfer dieses Krieges. 2013 floh er mit seiner Familie aus Aleppo. Sie fanden Zuflucht in einer dunklen Garage in der türkischen Stadt Kilis. Sechzehn Menschen sind in einem einzigen Raum bei feuchter Hitze untergekommen, wo Essen, Matten und Tee-Sets stapelweise auf dem Boden liegen. Er zeigt auf seine Krücken und sagt: "Ich brauche ein Fußprothese.“ Ahmeds linker Fuß musste amputiert werden, nachdem er bei einem Luftangriff auf Aleppo verletzt worden war. "Ich war verletzt und konnte nichts sehen. Es gab kein Licht. Ich sah mich um, aber ich konnte niemanden erkennen", sagt er. Ahmed wurde in ein Krankenhaus in die Türkei gebracht. Sein Beinstumpf ist verheilt ist, aber seine seelischen Wunden sind offen und sind ganz spürbar.

Die meisten Flüchtlinge durchleben extreme Ängste und sind emotional sehr aufgewühlt in den ersten Wochen nach ihrer Flucht aus den Kriegsgebieten. Für die Verletzten und Kranken ist die Situation noch schwieriger, und sie wird nicht leichter, je mehr Monate vergehen. 2012 waren unter den syrischen Flüchtlingen einige davon überzeugt, dass sie bald nach Hause zurückkehren. Aber 2013 hat die Gewalt sogar zugenommen und seitdem sind viele Flüchtlinge verunsichert, die in Lagern oder provisorischen Häusern leben. Die schonungslosen Luftangriffe auf Aleppo mit hohen Verlusten unter der Zivilbevölkerung erinnern immer daran, dass Krieg herrscht und sich sogar steigert, währenddessen sich die Medien auf andere Themen in der Welt stürzen.

Am Anfang können die Flüchtlinge ihre neue Lebenssituation gut bewältigen. Denn vor dem Krieg waren die sozioökonomischen Rahmenbedingungen in Syrien so günstig, dass viele Familien finanzielle Reserven und Spareinlagen hatten, auf die sie zurückgreifen konnten. Aber das monatelange Exil geht an die Substanz, und das Geld der Familien ist aufgebraucht. Dann herrschen nostalgische Gefühle vor, Leidensdruck und Fassungslosigkeit. Das passiert besonders unter den syrischen Flüchtlingen in Istanbul. Sie haben es bis in die türkische Metropole geschafft, weil sie die finanziellen Mittel erübrigen konnten. Aber ihre Ersparnisse schmolzen dahin, denn in der Stadt ist das tägliche Leben viel teurer als in den Flüchtlingslagern entlang der türkisch-syrischen Grenze.

Ist Europa eine Option?

Hassan möchte wie viele syrische Flüchtlinge in einem Land der Europäischen Union leben. „Viele Syrer kommen mit Hilfe von Schmugglern nach Europa, aber das ist sehr gefährlich. Und meine Familie kann sich das nicht leisten. Wenn ich aber die Chance hätte, würde ich nach Europa gehen, aber nur auf legalem Weg“, sagt er in seinem gemieteten Keller inmitten von Istanbul. Es ist unwahrscheinlich, dass er das schafft.

Wie Amnesty International bereits warnte, hat die humanitäre Katastrophe in Syrien keine Solidaritätsgefühle in Europa ausgelöst. 94 Prozent der drei Millionen Syrer, die vor dem Krieg geflohen sind, bleiben in Libanon, Jordanien, der Türkei und dem Irak. Das Flüchtlingshilfswerk der Vereinten Nationen (UNHCR) hat die westlichen Länder dazu aufgerufen, Syrer aufzunehmen, die von dem Konflikt betroffen sind. Bisher haben die europäischen Regierungen nur wenige 10.000 Plätze im Rahmen der offiziellen UNHCR-Aufnahmeprogramme zur Verfügung. Es ist eine sehr traurige Erkenntnis, dass alle EU-Länder zusammen nur etwa ein Prozent der syrischen Flüchtlinge aufgenommen haben. In den Ländern rund um Syrien sind die Gesundheitssysteme überfordert und die finanziellen Mittel trocknen aus. Währenddessen verschließt sich Europa vor den Auswirkungen der Krise.

Angesichts des Ausmaßes der Krise ist die Zahl der Asylanträge gering

Mehr als 50.000 Syrer haben im Jahr 2013 Asyl in den EU-Ländern beantragt. Sie sind die größte Gruppe aus einem Land - vor Russland und Afghanistan. Bedenkt man jedoch das Ausmaß der Flüchtlingskrise, ist die Zahl der Asylanträge vergleichsweise gering. Das liegt an den langwierigen bürokratischen Verfahren und an dem Wunsch der meisten Flüchtlinge, sich die eigene Bewegungsfreiheit zu bewahren. Viele von ihnen versuchen verzweifelt, sich nach Europa zu schmuggeln. Einer der gefährlichsten Seewege führt von der libyschen Küste nach Süditalien. Der Tod von Hunderten von Menschen vor Lampedusa bleibt in grauenvoller Erinnerung.

Über die griechische Region Evros direkt an der Grenze zur Türkei verlief eine weitere wichtige Route, aber im Sommer 2012 setzten die Behörden 2.000 Sicherheitskräfte ein und ließen eine zehn Kilometer lange Mauer bauen, um die Grenze abzuschotten.

Migranten im griechischen Evros, das an die Türkei grenzt, April 2012.
Juan Carlos Tomasi / MSF

In mehreren Berichten gratuliert sich Frontex, die „Europäische Agentur für die operative Zusammenarbeit an den Außengrenzen der Mitgliedstaaten der Europäischen Union“ selbst, wie diese Maßnahmen dazu geführt haben, dass weniger Migranten auf diesem Weg gekommen sind. Aber es folgte etwas anderes daraus: der Strom an Flüchtlingen verlagerte sich nach Süden in Richtung der ägäischen Inseln. Mit anderen Worten: die Behörden brachten Tausende Migranten aus Afghanistan und Syrien dazu, also Flüchtlinge aus den Kriegsgebieten des 21. Jahrhunderts, ihr Leben nochmals auf Booten zu riskieren.

Festnahmen an der türkisch-griechischen Grenze wegen illegaler Einreise und Aufenthalt

Es gibt keine offiziellen Daten zur Zahl der ankommenden Menschen. Die Zahlen sind Schätzungen.
Festnahmen von Afghanen und Syrern bei der Einreise, der Ausreise oder während Polizeiaktionen in Athen.
Die Gesamtzahlen beziehen sich ausschließlich auf Festnahmen von neu Ankommenden an der griechisch-türkischen Grenze.
Quelle: Griechische Polizei.

Sie klopfen an die Türen Europas - und was folgt? 2013 wurden in den ersten sieben Monaten fast 12.000 Syrer wegen illegaler Einreise oder wegen ihres Aufenthaltes in Griechenland festgenommen. „Die meisten Migranten, die hier seit 2004 ankamen, waren Afghanen. Jetzt stellen Syrer die größte Gruppe dar“, sagt Ioanna Kotsioni, Migrationsexpertin von Ärzte ohne Grenzen/MSF. Die humanitäre Organisation hat in der Vergangenheit Einsätze in Lesbos und Evros ins Leben gerufen. Lawand Deek ist einer der betroffenen Syrer. Im letzen Jahr verließ er seine Familie und überquerte die türkische Grenze nach Griechenland, um eines Tages in Großbritannien oder Kanada zu studieren. Tag für Tag notierte der 21-jährige Lawand in seinem Tagebuch alle Details der gefährlichen Reise.

Die ersten Eintragungen beginnen im Frühjahr 2013. Ein halbes Jahr später verflüchtigen sich die Erwartungen von Lawand, während er in Athen ist. Nach Monaten geprägt von Langeweile und Verzweiflung in der griechischen Hauptstadt hatte Lawand eine Menge Geld verloren. Auch sein Ziel, das Land zu verlassen, ist immer mehr in den Hintergrund getreten. „Ich weiß nicht, wo ich hingehen werde“, sagte er. Zu diesem Zeitpunkt war es für Lawand noch klar, dass er nicht über das Meer fliehen wird. Er beschreibt den Tod von Hunderten vor Lampedusa als „tragisch“.

Aber bald hatte sich Lawands Situation verändert, was sich in seinen Facebook-Eintragungen spiegelte. Er hatte sich nach Großbritannien durchgeschlagen und in Cardiff niedergelassen, wo er in einer Wohngemeinschaft lebt und Englisch studiert. „Ich habe mich an der Universität von Alberta in Kanada beworben und möchte gerne Wirtschaft studieren“, sagt er am Telefon aus Cardiff und vermeidet es zu erklären, wie er dorthin gekommen ist.

Die vergangenen Jahre sind von einem Exodus geprägt, den Europa ignoriert

Wie Lawand gehen tausende Migranten und Flüchtlinge ins Exil und hoffen auf ein Licht am Ende des Tunnels. Sie versuchen irgendwie durchzukommen - trotz der bürokratischen und migrationspolitischen Vorschriften und den Netzwerken des grausamen Menschenhandels. Viele fliehen aus Konfliktländern. In der zurückliegenden Dekade erinnert der Zustrom von Afghanen an die dramatischen Folgen des Krieges in dem zentralasiatischen Staat. Die vergangenen Jahre sind vom Beginn eines Exodus geprägt, den Europa ignoriert. Es wird Zeit brauchen, bis man diese humanitäre Krise in den Griff bekommt. Syrische Krankenhäuser werden weiterhin mit verwundeten Menschen überfüllt sein, wie das wiederholt in Aleppo Stadt passiert. Die Flucht wird für hunderttausende Menschen nach wie vor die einzige Hoffnung bleiben, und in den Nachbarländern wird es weiterhin schwierig sein, humanitärer Hilfe für die Flüchtlinge bereitzustellen. Während weiterhin Bomben auf syrischen Boden fallen, werden Frauen wie Salwah verletzt, werden Männer wie Ahmed in die Türkei flüchten und Studenten wie Lawand eine bessere Zukunft im Westen suchen.