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SÜDSUDAN

Ärzte ohne Grenzen/MSF
Text: Agus Morales
Fotos und Videos: Anna Surinyach
Web-Entwicklung: Quim Zudaire

Der Tag nach der Unabhängigkeit

2011 war ein turbulentes Jahr. Während in Nordafrika und im Nahen Osten der Arabische Frühling große Hoffnungen weckte, erlebte auch Afrika südlich der Sahara einen historischen Wandel im Streben nach Demokratie. Am 9. Juli veränderte sich die Landkarte des Kontinents: Der Südsudan erklärte gestützt auf eine Abstimmung seine Unabhängigkeit. Nach Jahrzehnten des Kriegs schien eine politische Lösung des Konflikts zwischen Nord und Süd möglich. Doch was ist seitdem geschehen? Wie sieht die Zukunft des jüngsten Lands der Welt aus?

Großer Optimismus herrschte zu Beginn der Unabhängigkeit. Das Resultat des Referendums war überwältigend ausgefallen: 98,38 Prozent hatten sich im Januar 2011 für die Schaffung eines neuen Staates ausgesprochen. John Aken lebte zur Zeit des Referendums in Darfur, im Westen des Sudan. „Als wir wegen des zweiten Sudankriegs nach Darfur zogen, war ich neun Jahre alt. Ich blieb 20 Jahre dort und heiratete“, erzählt er. Nach der Unabhängigkeit zog er wieder zurück und ließ sich im südsudanesischen Bundesstaat Northern Bahr el Ghazal nieder. „Ich bin Südsudanese, denn wenn ich durch die Straßen gehe, zeigt niemand auf mich und sagt, ich sei nicht von hier“, erklärt er.

John hat sechs Kinder und wohnt in einer Hütte im County Gok Machar, nahe der umstrittenen Grenze zwischen dem Sudan und dem Südsudan. Bei seiner Rückkehr erhielt er von den südsudanesischen Behörden ein Stück Land. John gehört zu den sogenannten Rückkehrern: Mitglieder der schwarzen Bevölkerung im vorwiegend arabischen Norden, die in den unabhängigen Süden zurückgekehrt sind, um in einer Gesellschaft mit gemeinsamen ethnischen und kulturellen Wurzeln zu leben. „Ich habe zwar in Darfur geheiratet, aber irgendwann merkte ich, dass ich zurück in die Heimat muss“, erklärt John.

Drei Jahre später sind Khartum und der alte Nord-Süd-Konflikt in den Hintergrund gerückt. Die innenpolitische Krise, die im Dezember 2013 im Südsudan ausgebrochen ist, hat eine Bevölkerung getroffen, die bereits in elenden Bedingungen lebte. Gewalt, Mangelernährung und Epidemien grassieren, und das öffentliche Gesundheitssystem kann nicht einmal die elementarsten Bedürfnisse decken. Die Müttersterblichkeit im Südsudan ist so hoch wie kaum anderswo auf der Welt, und die Zahl der Menschen mit Mangelernährung ist in gewissen Regionen extrem hoch. Diese Probleme werden durch den aktuellen Konflikt zusätzlich verschärft. Fast die Hälfte der Bevölkerung – vier Millionen von insgesamt elf Millionen Einwohnern – leidet laut Schätzungen der Vereinten Nationen unter Ernährungsunsicherheit. Dem humanitären Hilfssystem unter UNO-Führung gelingt es nicht, auf die Probleme angemessen zu reagieren und die verzweifelte Bevölkerung zu unterstützen. Wie ist es dazu gekommen?

Ungeklärte Fragen nach der Unabhängigkeit

Der Südsudan hat eine Fläche von 600.000 km2 und ist damit etwa so groß wie die Ukraine. Das Binnenland wird begrenzt durch die Nuba-Berge, die Wüsten Äthiopiens und die Regenwälder Zentralafrikas. Der Weisse Nil fließt durch den Südsudan. Die Wirtschaft hängt stark vom Erdöl ab. Die wichtigsten Ölfelder liegen in den Bundesstaaten Unity und Upper Nile, an der nördlichen Grenze, die paradoxerweise zu den ärmsten Landesregionen gehören. In dieser Gegend befinden sich auch die meisten Lager, in denen Flüchtlinge aus dem Norden Zuflucht gesucht haben.

Unklarheiten im Grenzverlauf zwischen dem Sudan und dem Südsudan führen immer wieder zu Zusammenstößen. Vielerorts ist es kaum möglich zu sagen, in welchem Land eine Straße verläuft. Diverse Gebietsstreitigkeiten, oft in Verbindung mit der Ölwirtschaft, bleiben ungelöst, und Tausende von Menschen werden davon in Mitleidenschaft gezogen. Diese durch die Staatenteilung entstandenen Wunden sind noch keineswegs verheilt. Nach der Unabhängigkeit strömten tausende Flüchtlinge über die Grenze, hauptsächlich aus dem sudanesischen Bundesstaat South Kordofan. Der Südsudan hat insgesamt über 230.000 Flüchtlinge aufgenommen, hauptsächlich in den Bundesstaaten Unity und Upper Nile.

Die Grenze zwischen Sudan und Südsudan nach der Unabhängigkeit

Diese Flüchtlinge wurden mittlerweile durch die UNO-Flüchtlingsbehörde (UNHCR) registriert, doch viele andere befinden sich in einer unklaren Rechtslage. Ihre Situation ist eine Folge der Widersprüche im Hilfssystem unter UNO-Führung sowie des Prozesses, der zur Unabhängigkeit des Südsudans führte. Ende 2012 breiteten sich die Grenzstreitigkeiten nach Westen aus. Tausende von Menschen flohen vor den Luftangriffen im umkämpften Niemandsland entlang des Flusses Kiir. Rund 26.000 Menschen erreichten den südsudanesischen Bundesstaat Northern Bahr el Ghazal, doch niemand wußte, in welche Kategorie sie eingeteilt werden sollten. Die UNO-Agenturen nannten sie „spontane Rückkehrer“, ohne auf ihre spezifischen Bedürfnisse einzugehen, und erwarteten, dass sie sich in die lokalen Gemeinschaften integrieren würden. „Für Ärzte ohne Grenzen machte es keinen Unterschied, ob sie als Rückkehrer, Vertriebene oder Flüchtlinge betrachtet werden“, erklärt Shaun Lummis, ehemaliger Ärzte ohne Grenzen/MSF-Koordinator in der Region, „aber andere Hilfsorganisationen hatten Probleme, Unterstützung zu leisten, weil der Status dieser Menschen unklar war.“

  • Keine Unterkünfte, keine Hilfe. So sah die Realität tausender Menschen aus, die Anfang 2013 vor der Gewalt entlang der Grenze zwischen dem Sudan und dem Südsudan flohen. Dieses Lager für Vertriebene liegt im südsudanesischen Bundesstaat Northern Bahr el Ghazal.

  • Ganze Dorfgemeinschaften verließen 2013 ihre Heimat am Fluss Kiir und ließen sich in Dutzenden von Lagern nieder, die von den Hilfsorganisationen kaum unterstützt wurden.

  • „Als ich die verbrannten Häuser sah, sagte ich zu meinen Leuten, hier ist nichts mehr übrig, wir müssen gehen“, berichtet Anthilio Akon, Anführer eines Dorfes, das vor der Gewalt im Gebiet des Kiir-Flusses geflohen ist.

  • Die Familie von Anthilio Akon ist eine der wenigen, die im Lager Ajok Wol in einer echten Unterkunft leben. Die meisten andern müssen mit notdürftigen Gerüsten aus Ästen zurechtkommen.

  • Die Regenzeit dauert mehrere Monate und trifft die schwächsten Bevölkerungsgruppen im Südsudan besonders schwer.

  • Die Tätigkeit im Südsudan stellt die Hilfsorganisationen vor große logistische Probleme, denn es ist schwierig, hilfsbedürftige Menschen in abgelegenen Gebieten, wie hier in Northern Bahr el Ghazal, zu erreichen.

  • Nachdem Ärzte ohne Grenzen die prekären Bedingungen in den Lagern öffentlich bekannt gemacht hatte, versprach die UNO, Nahrungsmittel zu verteilen, aber die Hilfeleistungen bleiben weiterhin ungenügend.

Neuer Konflikt, alte Akteure

Wer den aktuellen Konflikt verstehen will, muss an die beiden Bürgerkriege im Sudan (1955-1972 und 1983-2005) zurückdenken, die Millionen von Todesopfern forderten und noch mehr Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Im zweiten Krieg spielte die SPLA (Sudan People’s Liberation Army), die gegen die Regierung in Khartum kämpfte, eine zentrale Rolle. Dem Anführer dieser Rebellengruppe John Garang gelang es nie, die Bewegung zu einen und interne Widersprüche aufzulösen. Garang kam 2005 bei einem Helikopterabsturz ums Leben – gerade als der Friedensprozess begann, der schließlich zur Unabhängigkeit des Südsudans führen sollte. An seine Stelle trat Salva Kiir, der später zum Präsidenten des Südsudans gewählt wurde. Eine andere wichtige Figur der SPLA, Riek Machar, wurde Vizepräsident. Doch ihre Allianz war von kurzer Dauer. Machar wurde im Juli von Kiir entlassen und führte fünf Monate später eine Rebellenarmee gegen die Regierung.

Der Südsudan nach Ausbruch des Kriegs im Dezember 2013

Nach UNO-Angaben (September 2014).

Bald breiteten sich die Kämpfe auf Märkte, Spitäler, öffentliche Plätze und ganze Städte aus. Alle ethnischen Gruppen (Dinka, Nuer und Schilluk) wurden in den Konflikt hineingezogen, und 1,7 Millionen Menschen mussten fliehen. Über 75 Prozent wurden innerhalb des Landes vertrieben. Ein Opfer der Gewalt war Ronyo Adwok, ein 59-jähriger Lehrer aus Malakal, einer Stadt am Ufer des Weissen Nils mit über 150.000 Einwohnern. Als wichtiges Zentrum im erdölreichen Bundesstaat Upper Nile war Malakal besonders heftig umkämpft, und die Kontrolle über die Stadt wechselte mehrmals hin und her.

Ronyo war am 18. Februar zu Hause, als eines der heftigsten Gefechte zwischen der Regierung und den Rebellen um die Vorherrschaft in der Stadt ausbrach. Bei einem Angriff auf sein Haus wurde er am Bein verletzt. Es gelang ihm, das Malakal Teaching Hospital zu erreichen, doch dort musste er erfahren, dass der Konflikt nicht einmal Patienten verschont. „Jeden Tag kamen etwa 10 bis 15 Männer mit Gewehren ins Spital“, erzählt Ronyo. „Sie verlangten Mobiltelefone und Geld. Wer ihnen nichts gab, wurde erschossen. Auf meiner Station wurden Leute erschossen. Sie nahmen auch einige Frauen mit.“ Teams von Ärzte ohne Grenzen fanden im Spital elf Leichen und bei einem der Eingangstore drei weitere. „Die humanitäre Arbeit wird immer weniger respektiert“, sagt Carlos Francisco, Koordinator der Organisation in Malakal.„ Weder Gebäude noch Gesundheitspersonal noch Patienten werden verschont.“

Die Gräueltaten in Malakal sind keine Ausnahme. Auch in vielen anderen Regionen wurden ganze Städte zerstört und Spitäler angegriffen. Ein Ärzte ohne Grenzen/MSF-Team, das in ein Spital in Leer, Bundesstaat Unity, zurückkehrte, musste feststellen, dass es geplündert, verwüstet und schließlich angezündet worden war. Im Gelände von Ärzte ohne Grenzen/MSF in Bentiu, ebenfalls in Unity, wurden laut Augenzeugenberichten im April 33 Menschen umgebracht. Leichen von Zivilisten verwesten am Straßenrand.

In den UNO-verwalteten Lagern leben über 100.000 Menschen zusammengepfercht – und einige der Lager wurden sogar angegriffen. Das Lager Tomping in der Hauptstadt wurde schon in den ersten Wochen der Regenzeit überflutet, was die mangelhafte Vorbereitung der UNO zeigte. Im Lager von Malakal leben 18.000 Menschen unter unwürdigen Bedingungen mit ungenügendem Zugang zu Trinkwasser.

Unter den Opfern des Bürgerkriegs, die im März im Lager Malakal Zuflucht gesucht haben, ist die 20-jährige Amani Bashir. Ihr Vater ist Sudanese, ihre Mutter Südsudanesin. Sie wuchs im südsudanesischen Bundesstaat Blue Nile auf, doch vor zwei Jahren zog sie mit ihrer Mutter nach Malakal um. Die Spannungen zwischen dem Norden und dem Süden hatten zwar abgenommen, doch Amani geriet in den Strudel des Bürgerkriegs im Südsudan.

„Als die Kämpfe in der Stadt ausbrachen, flohen wir zum Fluss. Wir versuchten, uns zu verstecken, doch ein Schuss traf mich ins Bein“, erzählt Amani in einem improvisierten Spital auf dem UN-Gelände in Malakal und zeigt auf ihr verletztes Bein. „Bewaffnete Männer führten uns zu einer Kirche, wo viele Menschen Zuflucht suchten. Sie versuchten, meine Mutter zu vergewaltigen, aber wir leisteten Widerstand, und auch ihr wurde ins Bein geschossen.“ Amani blickt auf ihre Mutter, deren Bein ebenfalls in einem Verband steckt, und auf ihren schlafenden Sohn. Ihr Gesicht ist ausdruckslos, als ob sie keine Gefühle zeigen möchte. Sie weiß nicht, was sie nach der Entlassung aus dem Spital tun wird, wie sie ihre Familie versorgen wird und ob sie wieder in den Sudan zurückkehrt. Sie weiß nur eines: Dass sie nicht in Malakal bleiben will.