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QUER DURCH
MEXIKO

Ärzte ohne Grenzen/MSF
Text: Agus Morales
Fotos und Video: Anna Surinyach
Web-Entwicklung: Quim Zudaire

Die vergessene Grenze im Süden

“Bitte, lasst uns leben.“
Juan Ramón Salvador Moreno liegt in einem Reisfeld im Süden von Mexiko, nahe der Grenze zu Guatemala, und bittet um Gnade. Ohne Kleider liegt er am Boden, in dieser saftig-grünen Gegend in Chiapas. Neben ihm seine drei Söhne und sein Bruder. Sie alle wurden gefesselt; von bewaffneten Kriminellen, die nun ihre Taschen durchsuchen. Die Männer befehlen ihnen, sich nicht zu bewegen. Doch Juan Ramóns Bruder ist taubstumm und begreift nicht, was geschieht. Seine beunruhigten Bewegungen werden mit einer Serie von Tritten gegen seinen Körper quittiert.

„Gehorcht ihnen! Bewegt euch nicht!“ – sagt Juan Ramón zu seiner Familie.

„Wenn du dich noch einmal bewegst, dann bekommst du eine Kugel in den Kopf“, schreit einer der Bewaffneten.

Über die Krise an der Grenzen zwischen den USA und Mexiko wird viel berichtet. Doch für Auswanderer aus Zentralamerika, die die Vereinigten Staaten erreichen wollen, beginnt die Gefahr schon lange bevor sie die US-Grenze erreichen. Und zwar im Süden Mexikos, an der Grenze zu Guatemala und Belize. Hier liegen die Bundesstaaten Chiapas, Tabasco, Campeche und Quintana Roo, und hier verläuft die 1.149 Kilometer lange Südgrenze, die aus Regenwäldern, Flüssen und Bergen besteht. Die Überquerung dieser Grenze bildet den anstrengenden Auftakt einer Odyssee, deren Endziel die USA sind.

Die Migrationsrouten von Zentralamerika in die USA

Juan Ramón wählte die Pazifikstrecke – eine der beliebtesten Migrationswege durch Mexiko. Er stammt aus San Pedro de Sula in Honduras. Die Stadt hat eine der höchsten Kriminalitätsraten der Welt. Über Guatemala gelangten Juan Ramón und seine Familie an den Suchiate- Fluss, den sie überquerten, um nach Mexiko zu kommen. Nun sind sie gerade im Bundesstaat Chiapas angekommen, in einer rauen Umgebung, in der sie jederzeit von Polizisten entdeckt oder zu Opfern von Banden werden können. Die Familie war in einem Minibus unterwegs gewesen, hatte aber aussteigen müssen, um einen Checkpoint zu umgehen. Denn dort wurde nach Migranten gesucht. In einem Reisfeld wurden sie dann von Bewaffneten angegriffen. Überfälle und sexuelle Gewalt sind in dieser Region alltäglich; doch die Gegend muss durchquert werden, wenn man Arriaga erreichen möchte: Die erste Stadt im Südwesten Mexikos, in der man auf den Güterzug nach Norden klettern kann. Auf den Zug, der auch „Die Bestie“ („La Bestia“) genannt wird.

Die mexikanische Regierung will die Mitfahrt der Migranten auf dem Zug unterbinden. Im Juli haben die Behörden deshalb einen Plan vorgestellt. Deklariertes Ziel: Die Migration eindämmen und die Menschen daran hindern, die „Bestie“ zu besteigen. Begründung: Die Migranten und Migrantinnen seien zu großen Gefahren ausgesetzt, wenn sie auf dem Zug mitfahren. Seither bemerken die Teams von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontiéres (MSF), die an strategisch wichtigen Punkten entlang der Gleise positioniert sind, dass die Zahl der Migranten in der Region stark zurückgegangen ist. Viele sehen sich gezwungen, in umliegende Hügel oder ins Dickicht zu flüchten. Sie suchen nach alternativen Routen – ähnlich wie Juan Ramón und seine Familie, als sie überfallen wurden. Für Hilfsorganisationen ist es jetzt viel schwieriger geworden, diese Menschen zu erreichen.

„Wenn man die Migranten daran hindert, auf den Zug aufzuspringen, beruhigt das bloß die Öffentlichkeit, die das Problem dadurch nicht mehr im Fernsehen sieht“, warnt Pablo Marco, der Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen/MSF in Mexiko. „Es stimmt zwar, dass es auf diesem Zug Erpressung, Verbrechen und Menschenhandel gibt. Doch wird dieses Problem nur noch größer, wenn die Migranten nach anderen Routen suchen müssen.“

Ärzte ohne Grenzen/MSF hat zwischen Juli 2013 und Februar 2014 eine Studie durchgeführt. Sie zeigt auf, dass von zehn Migranten und Migrantinnen, die von den Teams der Organisation behandelt wurden, etwa sechs unterwegs eine oder mehrere Gewalttaten erlebt hatten. Inzwischen ist es schwieriger geworden, solche Daten zu erheben. Doch wenn die Reisenden jetzt weniger sichtbar sind, bedeutet dies nicht, dass sie keinen Gefahren mehr ausgesetzt sind.

Gewalttaten, die Migranten auf ihrer Route durch Mexiko erleiden

58 Prozent der Migranten, die von Ärzte ohne Grenzen/MSF behandelt wurden, erlitten in Mexiko eine oder mehrere Gewalttaten.
Studie mit 396 Patienten von Ärzte ohne Grenzen/MSF. Durchgeführt zwischen Juli 2013 und Februar 2014. Die Migranten wurden im Zentrum und im Süden Mexikos behandelt.

Eine gefährliche Reise

Die Entscheidung der mexikanischen Regierung wurde getroffen, nachdem in den Medien viel über das Schicksal von Migrantenkindern berichtet worden war. Zwischen Oktober 2013 und Juni 2014 wurden offiziellen Angaben der USA zufolge an der amerikanisch-mexikanischen Grenze etwa 57.000 Minderjährige ohne Papiere festgenommen. Bilder von unbegleiteten Kindern, die an der Grenze aufgegriffen wurden, gingen um die ganze Welt. Allerdings wurde wenig von ihrer Reise bis dorthin gezeigt, die oft mit der Hilfe eines „Führers“ oder Schleppers durchgeführt wurde. Das menschliche Drama beginnt lange bevor die Menschen die 3.000 Kilometer lange Grenze aus Beton, Sand und Patrouillen erreichen. Die Migranten sind ständig auf der Suche nach neuen Routen, auch wenn diese immer gefährlicher werden. In letzter Zeit sind immer mehr Frauen und Kinder quer durch Mexiko unterwegs. Sie sind besonders gefährdet und mit vielen Gefahren konfrontiert – so wie die Kinder von Juan Ramón, die in einem Reisfeld überfallen wurden.

  • Der Suchiate-Fluss an der Grenze zwischen Mexiko und Guatemala. Die zentralamerikanischen Migranten überqueren ihn mit kleinen Booten. Es ist der Beginn ihrer Reise durch Mexiko.

  • Ciuadad Hidalgo ist die erste Stadt, die Migranten sehen, wenn sie von Mexiko nach Guatemala kommen und den Suchiate-Fluss überquert haben. Es fährt hier kein Zug, deshalb müssen sie stundenlang zu Fuß gehen.

  • Die Migranten tragen kleine Rucksäcke mit sich. Es wäre unmöglich, mit mehr Gewicht zu reisen.

  • Die Migranten nehmen den Güterzug, auch „la Bestia“ - “das Biest”- genannt, um durch Mexiko zu reisen. Arriaga ist der erste Stopp auf der Route entlang der Pazifikküste.

  • Manchmal müssen die Migranten wegen Verspätung der Güterzüge stunden- oder tagelang warten.

  • Jeden Tag kommt ein Zug mit hunderten Migranten in Ixtepec an. Sie warten dort für ein paar Stunden oder Tage, dann fahren sie weiter.

  • Familien, Frauen und Kinder ohne Begleitung reisen mit “dem Biest” und versuchen, es bis in die Vereinigten Staaten zu schaffen. Sie sind am meisten exponiert.

  • Das „Albergue“, ein Heim für Migranten in Ixtepec. Hier machen die Migranten einen Stopp für ein paar Stunden oder ein paar Tage und machen sich bereit, bis der nächste Zug kommt. Hier sehen sie ein Fußballmatch: Frankreich gegen Hoduras.

  • Die Migranten haben entlang der Route nicht viel Zeit zum Entspannen. In diesem „Albergue“ in Ixtepec, versammeln sie sich, um Fußball zu spielen.

  • Die Reise ist hart und gefährlich. Fast 60 Prozent der Migranten, die von Ärzte ohne Grenzen/MSF in Mexiko behandelt werden, haben entlang der Route Gewalt erlitten.

Julieth Hernandes Alvarado aus Honduras kam allein über die Pazifikstrecke nach Mexiko. Die 19-Jährige verkaufte in Tapachula nahe der Grenze zu Guatemala Lebensmittel. An dem Tag, als sie ihr Gehalt ausbezahlt bekam, wurde sie von einer Gruppe Männer ausgeraubt und zusammengeschlagen. Aus Angst, abgeschoben zu werden, suchte Julieth keinen Arzt auf, obwohl das mexikanische Gesetz vorschreibt, dass Migranten in jedem öffentlichen Gesundheitszentrum eine medizinische Notversorgung erhalten müssen. Ein paar Wochen später reiste Julieth einige hundert Kilometer nach Norden erreichte die Stadt Lechería in der Nähe der Hauptstadt. Nun ist sie mit einem jungen Mann zusammen, der sich ihr am Weg angeschlossen hat, und erinnert sich an den Überfall.

Julieth hat ihr zwei Jahre altes Kind in ihrer Heimat zurückgelassen. Da das Kind von seinem Vater nicht angenommen wurde, kümmert sich nun Julieths Mutter um das Kind. Julieth ist ausgewandert, weil sie auf der Suche nach einem besseren Leben ist, aber bis jetzt hatte sie nicht viel Glück. Jetzt muss sie dringend Geld verdienen. Sobald sie sich von ihren Verletzungen erholt hat, wird sie sich entscheiden müssen: Sie kann ihre Reise fortsetzen und den Zug in den Norden Richtung Tijuana, Nogales, Juárez oder Nuevo Laredo nehmen, oder sie kann eine gewisse Zeit in Mexiko Stadt bleiben und einen Job suchen. Keine dieser beiden Optionen wird einfach für sie: Etwa sechs von zehn Migrantinnen werden auf der Strecke Opfer sexueller Gewalt. Genaue Daten darüber sind schwer zu finden, aber die Tatsache, dass sich viele Frauen und Mädchen vor ihrer Abreise eine Verhütungsspritze verabreichen lassen, sagt viel über das Ausmaß des Missbrauchs aus. Viele sind beteiligt: Kriminelle Organisationen setzen sexuelle Gewalt als Waffe ein, um von entführten Frauen oder ihren Familien Lösegeld zu erpressen. Auch die Schlepper zwingen Frauen als Bezahlung für die Hilfe auf dem Weg nach Norden oft zu Sex.

Das Recht auf Asyl

Rechtliche Schritte gegen diese schweren Menschenrechtsverletzungen gibt es in diesem Teil der Welt kaum. Das Kernproblem ist der rechtliche Status der Migranten. In Zentralamerika vertreibt die Gewalt der sogenannten “Maras” (bewaffnete Banden) tausende Menschen aus der Region. Bei einer Befragung der Patienten von Ärzte ohne Grenzen/MSF in Mexiko berichteten 42 Prozent der Personen aus El Salvador und 32 Prozent der Personen aus Honduras, dass gewaltsame Ereignisse bei ihrer Entscheidung für die Migration eine wesentliche Rolle gespielt haben.

Sollten Menschen, die vor den Maras flüchten, in Mexiko und in anderen Ländern der Region das Recht auf Asyl haben? „Ja“, sagt der Koordinator von Ärzte ohne Grenzen/MSF in Mexiko, Marc Bosch: „Auch wenn die Lage in vielen dieser Länder nicht exakt der Definition von bewaffneten Konflikten entspricht, sind doch die Folgen für die Bevölkerung ähnlich: gewaltsame Vertreibung innerhalb ihres Landes; das Überschreiten von Grenzen, um der Gewalt zu entfliehen; enorme Auswirkungen auf die seelische Gesundheit und Fälle von sexueller Gewalt.“ Es gibt keine angemessene Reaktion der verschiedenen Staaten auf diese brutale Situation. Die von Ärzte ohne Grenzen/MSF gesammelten Daten zur Rolle von Gewalt bei der Entscheidung zur Migration ergeben bei einer konservativen Schätzung, dass zehntausende Menschen jedes Jahr in Mexiko und den USA für Asyl in Frage kämen. Doch 2013 gab es in Mexiko nur 1.296 Anträge, von denen die Mexikanische Kommission für Flüchtlingshilfe (COMAR) gerade 270 stattgegeben hat. In ihrem zwölfjährigen Bestehen hat die COMAR insgesamt nur 1.756 Personen als Flüchtlinge anerkannt, obwohl Hunderttausende auf der Flucht vor der Gewalt in Zentralamerika nach Mexiko gekommen sind.

Viele der Migranten, die quer durch Mexiko reisen, kennen weder ihre Rechte noch die Gesetze, die sie schützen. Für alle, die auf dem Weg Gewalt ausgesetzt waren, gibt es eine Option, die kaum in Anspruch genommen wird: Das humanitäre Visum ermöglicht es Migranten, sich auf mexikanischem Staatsgebiet aufzuhalten, ohne verhaftet zu werden. Um es zu erhalten, müssen sie eine Beschwerde gegen ihre Angreifer einreichen und an einem Ort bleiben – aber das oberste Ziel der meisten ist die Weiterreise nach Norden. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, wie schlecht es um die Rechte dieser Bevölkerungsgruppe bestellt ist.

Mangelnde Information, Angst vor Verschleppung und von der Bürokratie blockierte Anträge… Die Migranten, die versuchen, es in die USA zu schaffen, befinden sich im rechtlichen Niemandsland. Die Botschaft des Systems ist klar: Es ist besser, es durch die Hintertür zu versuchen. Als Zielstaaten der Migration sollten sich Mexiko, besonders aber auch die USA der neuen Realität stellen: Die massiven Menschenrechtsverletzungen in Zentralamerika betreffen weite Teile der Gesellschaft. Das Konzept der Flucht ist noch immer mit Krieg verbunden und ein politisch aufgeladener Begriff, den viele Staaten vermeiden möchten. Dem zentralamerikanischen Migranten, der sein Land wegen der Bedrohung durch die Maras verlässt, ist es gleichgültig, wie sein rechtlicher Status definiert ist. Seine Geschichte unterscheidet sich nicht so sehr von der eines Syrers, der vor der Gewalt der syrischen Armee oder vor bewaffneten Oppositionsgruppen flüchtet. „In Honduras verschonen sie nicht einmal eine Frau, die drei Kilo Mais-Tortillas verkauft“, sagt Juan Ramón: „Auch sie muss die Kriegssteuer bezahlen.“